90 Jahre Freital

Wir feiern 90 Jahre Freital - Blitzlichter vom Weg zur Stadt und aus 90 Jahren Freital

90 Jahre Freital In der Weltgeschichte sind 90 Jahre ein Lidschlag - für Freital bildet dieser relative Zeitrahmen eine relevante kommunalgeschichtliche Etappe. Betrachtet man die Bewohner dieser Stadt, erlebten sie innerhalb dieser neun Jahrzehnte in etwa drei Generationen den technischen Fortschritt vom Segelflieger zum Spaceshuttle, die politischen Umwälzungen von vier Gesellschaftssystemen sowie die Unwägbarkeiten zahlreicher Währungsreformen.

Bis ins Elbtal grüßt als Wahrzeichen von Freital der 352 Meter hohe Windberg. In dessen Umgebung, die Weißeritzaue und ihre Höhen nutzend, siedelten schon in der Bronzezeit Menschen. Erste urkundliche Nachweise sind zum Teil älter als jene der Landeshauptstadt Dresden oder stehen direkt mit deren Geschichte in Verbindung, wie 2006 ein in Freital und Dresden gemeinsam begangenes 800jähriges Jubiläum bewies. Die Gunst der Wasserkräfte und die Nähe der weltlichen bzw. klerikalen Machtzentren nutzend, wuchsen Siedlungen heran. Erste Erwerbszweige unserer Vorfahren waren Landwirtschaft, Fischerei und Müllerei im abgelegenen Weißeritztal, welches heute die Große Kreisstadt Freital mit cirka 40.000 Einwohnern birgt.

Das Industriezeitalter kündigte sich mit der Entdeckung der Steinkohle an. Die Geschäfte mit dem alternativen Brennstoff lockten Unternehmer etwa ab dem Jahr 1500 ins Tal. Ab dem 19. Jahrhundert beschleunigte der Bergbau katalysierend Industrialisierung und Urbanisierung. Der Weg der dörflichen Abgeschiedenheit mit wenigen Einwohnern, die ihre Beschäftigung in der Landwirtschaft oder in bäuerlichen Haspelschächten fanden, hin zu den zehntausenden Einwohnern pro Industriegemeinde, die unter Fördertürmen und Fabrikschloten Arbeit fanden, durchschritten einige Gemeinden in etwa neun Jahrzehnten. Noch einmal solange benötigte Freital, um sich nach dem Zusammenschluss der drei Gründungsgemeinden Deuben, Döhlen und Potschappel im Oktober 1921 unter sozialdemokratischem Stadtparlament hin zur heutigen Großen Kreisstadt Freital mit einer Fläche von über 4.000 Hektar zu entwickeln. Neben dem Montanwesen sorgten zahlreiche Fabriken für den vorbestimmten Weg zur Stadt. Insbesondere seien die Glasfabrik zu Döhlen, die Chemiefabrik der Reichards, das Eisenhüttenwerk des Freiherrn von Burgk, die Thodesche Papierfabrik oder die Gussstahlfabrik Döhlen genannt. Dazu gesellten sich später Porzellanerzeugung, Garn- bzw. Textilfabrikation sowie Maschinen- und Apparatebau.

Erste Bestrebungen zur Stadtgründung führten 1895 zu gemeinsamer Trink- und Brauchwasserversorgung, Elektrizitätsnutzung oder Nahverkehrsreglung. Um 1900, bei rückgängigem Bergbau, steigerte sich die industrielle Expansion. Genannt seien hier die Lederfabrik Sohre, die RUMBO-Seifenwerke, die BOMBASTUS-Werke oder die WELTA Kamerawerke. Weit über 100 Großunternehmen sollten es zur Stadtgründung sein. Um 1915 war die Vereinigung der Gemeinden, deren Grenzen und dörfliche Ortkerne längst städtisch überformt waren, alternativlos.

Erst die politischen Ergebnisse der Novemberrevolution 1918 ermöglichten es, den Stadtgedanken zu verwirklichen. Alle kommunalen, finanzpolitischen und bürokratischen Hürden waren am 1. Oktober 1921 beseitigt. Es entstand eine Industriestadt, im Maschinenzeitalter gebaut, ohne die ruhmreiche Vergangenheit alter deutscher Schwesternstädte und ohne die Spuren des Glanzes verblasster Jahrhunderte. "Eine Stadt der Arbeit, nichts weiter. Kohlenschächte, Esse an Esse, Fabrik an Fabrik. ... Hier glühen die Öfen Tag und Nacht ... hier leisten tausende von Maschinen, Hämmern, Pumpen und Pressen Stunde um Stunde ihr Werk ... hier gräbt der Bergmann Tag und Nacht aus den Tiefen der Erde die Kohle, deren Energie das Getriebe der Produktion speist. ..." Vorrangigste kommunale Aufgabe war die Vereinheitlichung der drei Gemeindeverwaltungen von Deuben, Döhlen und Potschappel. Als Oberbürgermeister nahm Dr. Wedderkopf im Döhlener Rathaus seinen Amtssitz. Diesen ersten Schritten folgten weitere Verhandlungen, um die Gemeinden Zauckerode 1922, Birkigt 1923 und Burgk 1924 an Freital anzuschließen. Die junge Stadt entwickelte sich zu einer sozialdemokratischen Musterkommune mit Vorbildcharakter, in der Wohlfahrt, Fürsorge und Gesundheitspolitik groß geschrieben wurden.

Die komplizierten wirtschaftlichen und politischen Zeitläufe machten auch vor Freitals Grenzen nicht Halt. Arbeitslosigkeit, links- und später rechtsgerichtete Radikalisierung bestimmten die kommunalen Geschäfte der jungen Stadt, die ab 1933 mit mehrfachen, politisch determinierten Oberbürgermeisterwechseln umgehen musste. Von schweren Kriegszerstörungen blieb der bedeutende Rüstungsstandort Freital verschont. Erst mit der Bombardierung von Birkigt wurden die Gräuel des Zweiten Weltkrieges real. Im August 1944 verloren 241 Menschen, vor allem sowjetische und französische Kriegsgefangene ihr Leben. Die Produktion der nahegelegenen Rüstungsbetriebe lief kurz darauf wieder an.

Am 8. Mai 1945 endete auch in Freital der Zweite Weltkrieg und unterstand nun sowjetischer Militäradministration. Die Einwohnerzahl der Stadt war durch ausgebombte Dresdner, durch Flüchtlinge und Umsiedler auf ein Vielfaches angestiegen. Die Freitaler Industrie, vorerst wichtigster Wirtschaftsfaktor der Region, war kaum zerstört. Aufgrund fast flächendeckender Rüstungszugehörigkeit war sie jedoch zunehmend von Kriegsreparationen in Form von Demontage, vor allem im Metall- und metallverarbeitenden Gewerbe betroffen.

Mit der Aktion "Freital - erste trümmerfreie Stadt" setzte die Stadt symbolträchtig vor allem am Rand des zerstörten Dresdens ein Signal des Wiederaufbaus. Vorreiter wurde Freital auch auf kulturellem Gebiet. Man betrieb im Herbst 1945 das "Schauspielhaus im Plauenschen Grunde" als Spielstätte der zerstörten Dresdner Theater und organisierte die erste Nachkriegs-Kunstausstellung in Deutschland. Unter Oberbürgermeister Wenk, einem sozialdemokratischen Wegbereiter der Stadt, fand das Freitaler Heimatmuseum im Schloss Burgk 1946 eine Heimstatt. Die vordringlichsten Aufgaben sah das 1952 zur Kreisstadt erhobene Freital in der Wiederherstellung industrieller Leistungsfähigkeit und im Wohnungsbau.

Die Gemeinde Hainsberg wurde 1964 in das Stadtgebiet aufgenommen. Als Eingemeindungen folgten Kleinnaundorf, Wurgwitz und Saalhausen 1973 sowie Somsdorf und Weißig 1974.

Das größte Bauvorhaben des Kreisgebietes stellte ab 1980 der Wohnungsbau für über 7.000 Menschen in Zauckerode dar. Die Stadt Freital, der Abgase des Edelstahlwerkes wegen oft als "Stadt der Roten Wolke" bezeichnet, stand trotz positiver Ansätze wie die gesamte Wirtschaft am Ende der DDR-Zeit vor dem Kollaps. Die intensive Nutzung der Bodenschätze durch das Steinkohlenwerk und vor allem durch die SDAG WISMUT, gepaart mit ökologischer Leichtfertigkeit sowie die massiven Auswirkungen der industriellen Fabrikation inmitten der städtischen Tallage, führten zur Schädigung der Umwelt und zur Beeinträchtigung der Lebensqualität.

Mit Schwierigkeiten wie Werksschließungen und fehlenden Arbeitsplätzen, zunehmendem Durchgangsverkehr oder Bevölkerungsabwanderung hatte die Stadt nach den politischen Umbrüchen 1989 zu kämpfen. Industrielle Ansiedlungen an eigens ausgewiesenen Gewerbestandorten, Entlastungsstraße, partielle Innenstadt-Begrünung oder Ausweisung reizvoller Eigenheimstandorte für Zuzügler schufen dafür Lösungen. Industriebrachen wurden beseitigt und begrünt, Bergbauhalden saniert und deren Flächen renaturiert. Ein katastrophales Hochwasser brachte im August 2002 die Stadt und die Bevölkerung an die Grenzen der Belastbarkeit, ermöglichte aber neue städtebauliche Denkansätze.

Neugegründete, aber auch altangestammte, nach modernen Umweltstandards tätige Unternehmen produzieren heute auf Freitaler Stadtflur. Der Großen Kreisstadt Freital, seit 1999 durch die Gemeindefluren von Pesterwitz erweitert, gelingt es mehr und mehr, sich vom Makel der ungesunden Industriestadt zu lösen. Mit dem Bau eines Gründer- und Technologie-Zentrums begeht die Stadtverwaltung zukunftsträchtige Pfade, um Arbeitsplätze und Steuereinnahmen zu requirieren. Auch im Sinne der Tourismus-Förderung greift Freital auf montan-historische Traditionen zurück. Kommunale Denkmalsanierungen lieferten z.B. mit dem Ausbau des Rittergutes Burgk für die Städtischen Sammlungen Freital, dem Umsetzen der Fördertürme des Bergbaubetriebes "Willi Agatz" oder der Sanierung des Döhlener Rathauses als Stadtgründungsort einen Beitrag zur Identitätsstiftung und zum Wachhalten des gemeinschaftlichen historischen Stadtgedächtnisses.

Der Traum von der Industriemetropole ist für das 90jährige Freital ausgeträumt, nicht aber der vom geschichtsträchtigen, innovativen Gewerbestandort und von der reizvollen Weißeritz-Landschaft inmitten grüner Höhenzüge.

(Quelle: Amtsblatt der Großen Kreisstadt Freital vom 30. September 2011 Nr. 16/2011, Seite 12 bis 14.)


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